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Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums

(lme) Ich lese nicht gerne Autobiographien – seien wir mal ehrlich, die meisten Leute haben nichts zu sagen und nichts wichtiges erlebt, oder sie können nicht gut schreiben. Urs Widmer hat mich in seiner „Reise an den Rand des Universums“ eines besseren belehrt.

Was hat er erlebt? Man kann sagen: Nichts besonderes. Weltgeschichte hat er in seinem Leben nicht geschrieben. Und trotzdem – hier hat einer sein Leben gelebt. Hier hat einer etwas für widmersich erlebt und viele Erfahrungen gesammelt, die vielleicht nicht für die Welt von Bedeutung waren, aber für ihn. Er hat viel gesehen, viele Freundschaften geschlossen, durch seine Familie eine ganz besondere Art von Kindheit gehabt, er hat Frauen kennengelernt und wieder aus den Augen verloren und er beschreibt auch, wie er ans Schreiben kam.

Als Urs Widmer diese Autobiographie 2013 beendet, kennt er wohl schon mehr Details über sein Schicksal, als seine Leser und Leserinnen. Auch deshalb ist dies ein so wichtiges und rundum lesenswertes Buch, das wunderbare Anekdoten aber auch viele Lebensweisheiten bereithält.

Lest! Los, lest!

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Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf (lme)

Juli/2012, Nummer 38 im Buchclub

Erscheinungsdatum: 2010

Genre: Roman

Sprache: Deutsch

Format: Taschenbuch

1. Warum dieses Buch?

Ich hatte das Buch geschenkt bekommen und war schon länger daran interessiert es zu lesen. Dass es 2010 den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, hat meine Neugier noch verstärkt. Nun bot sich endlich die Gelegenheit, es im Rahmen der Seitenspinner durchzunehmen.

2. Welche Erwartungen hattest Du an das Buch?

Ich wusste, dass es sich bei diesem Buch um ein Werk handelt, dass sich mit Integration und Emigration in der heutigen Zeit befasst. Daher erwartete ich tiefere (womöglich auch autobiographische) Eindrücke und Schilderungen.

3. Deine persönliche Kurzzusammenfassung…

Die Familie Kocsis ist einige Zeit vor dem Bosnienkrieg aus der Vojvodina in die Schweiz ausgewandert. Eindrucksvoll beschreibt Melinda Nadj Abonji in „Tauben fliegen auf“, wie sich die vier in ihrer neuen Heimat einleben, was sie aus ihrer alten Heimat am meisten vermissen und wie schwer es ist, als Immigranten angenommen zu werden, obwohl man längst die neue Staatsbürgerschaft besitzt.

4. Was hältst Du vom Plot?

Eigentlich wird in diesem Roman nicht viel erzählt. Man könnte den Erzählstrang auf wenige Seiten zusammenfassen. Dennoch bleibt die Handlung stringent und interessant – vor allem durch die Rückblicke und Vergleiche mit dem anderen, alten Leben.

5. Wie bewertest Du den Beginn des Buches, den Einstieg in die Geschichte?

Es fiel mir schwer in den Takt des Buches zu kommen, da Nadj Abonji nur Endlossätze verwendet. Thema und Charaktere sind jedoch Ansporn genug, am Ball zu bleiben.

6. Hat Dir das Ende gefallen?

Das Ende ist sehr interessant, da es die philosophische Frage aufwirft, wann man integriert ist und ob dies ein Ziel ist, das zu erreichen sich lohnt.

7. Zentrale Themen?

Emigration, Integration, Schweiz, Identität und Loslassen.

8. Wie sind die Charaktere beschrieben?

Näher kommen wir hauptsächlich der Figur der Ildiko Koscis, ihre Eltern, ihre Schwester und die übrigen Verwandten, die in Bosnien zurückgeblieben sind, sind Schablonen.

9. Wie ist dem Autor die Gestaltung der Welt, in der die Geschichte spielt, gelungen?

Gut.

10. Wie hat Dir die Sprache des Autors gefallen? Sein Stil?

Immer wenn ich Zeit hatte zu lesen, dann hat mir die Sprache sehr gut gefallen. „Tauben fliegen auf“ ist allerdings kein Buch, das man in kurzen Pausen mal schnell zur Hand nimmt, da sich ein Satz oft über eine halbe Seite erstreckt und man daher beim Lesen keine Ablenkung gebrauchen kann.

11. Dein Lieblingszitat/ die Quintessenz des Buches?

Sich in einer fremden Kultur einfinden hat Sonnen- sowie Schattenseiten. Gerade für die Kinder, die fast ihr ganzes Leben in dieser Fremde verbringen, ist es oft eine Gratwanderung zwischen dem, was ihre Eltern wollen und dem, was in der Gesellschaft normal ist.

12. Intertextualitäten des Buches? Man kann es vergleichen mit…

Monica Ali: Brick Lane

13. Wie ließ sich das Buch lesen?/ Wie lange hast Du gebraucht?

Durch die Komplexität der Sätze konnte ich nur langsam voranschreiten.

14. Wie viel hat Dich das Buch gekostet, was ist es Dir wert?

Ich hatte es geschenkt bekommen, werde es aber behalten.

15. Stärken des Buches?

Der Einblick in die Seelen immigrierter Familien.

16. Schwächen des Buches?

Die Stellen, die sich um Dalibor (Ildis Freund) drehen. Was er mit der Handlung zu tun hat, bleibt für mich offen.

17. Besonderheit des Buches?

Die langen, langen Sätze.

18. An wen wirst Du das Buch weiterempfehlen?

An Menschen, die gerne lesen.

19. Ein neues Lieblingsbuch?

Nein.

20. Aufnahme in die Liste der Besten?

Nein.

21. Hast Du etwas Neues gelernt, hat Dich das Buch verändert?

Es hat dazu angeregt, sich noch einmal nähere Gedanken zu machen, wie es ist, seine Heimat zu verlassen, um in der Fremde das Glück zu suchen.