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Volker Weidermann: Ostende



Ostende(lme) 
1936, Sommer einer Freundschaft, so nennt Weidermann seinen novellenartigen Fokus auf den kleinen Badeort Ostende in Belgien, der in den 1930er Jahren von emigrierten Literaten aus Deutschland zu einem Herd der Kultur und vor allem der Literatur gemacht wurde. Hier trafen sie sich alle, Joseph Roth, Stefan Zweig, Irmgard Keun, die Manns, E.E. Kisch. Und hier debattierten, lachten und tranken sie gemeinsam, fernab von Deutschland in dem es zu brodeln begann.

Mit diesem Buch beschert uns Weidermann ein literarisches Ereignis. Auf der einen Seite lernen wir etwas dazu, über die Exilliteraten und ihre Verbindungen zueinander, auf der anderen Seite haben wir aber auch ein literarisches Buch vor uns liegen, dass sehr gut geschrieben und leicht zu lesen ist. Weidermann schreibt eine Mischung aus Fiktion und Sachbuch und weckt unser Interesse an den beschriebenen Autoren.

Dieses Buch ist empfehlenswert für all diejenigen, die gerne mal ein Sachbuch zur Hand nehmen, genauso für die, die sich mehr für die „große“ Literatur interessieren. Ein Glücksgriff!

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Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein könnten

(lme) In seinem 2011 erschienenen Sachbuch mit dem Untertitel „ein neurobiologischer Mutmacher“, geht Hüther auf Grundlagen der Neurobiologie genauso ein, wie auf seinen persönlichen Ausblick für uns Menschen. Teilweise geschieht dies auf äußerst pathetische Art und Weise, etwa wenn er im Ausstieg auf seine eigene Kindheit eingeht und vermutet, dass er heutzutage eines der Kinder gewesen wäre, das Ritalin bekommen hätte, weil er immer versuchte, sein Leben aus dem Alltäglichen zu retten.

Auf der anderen Seite beschreibt er aber auch sein Ideal eines Neuanfangs der Gesellschaft, in der es nicht mehr um Ressourcennutzung, sondern um Potentialentfaltung gehen sollte.

Hüther spricht uns mit seinem Buch direkt an und zeigt eine neue Perspektive auf, wie wir alle umdenken könnten und bei uns und unseren Kindern anfangen sollten.

Friedrich Denk: Wer liest, kommt weiter

(lme) Sehr hatten wir uns auf dieses Buch gefreut, das dieses Jahr im Gütersloher Verlagshaus erschienen ist. In ihm geht der Deutschlehrer und Initiator der Weilheimer Hefte den Fragen nach, wozu man lesen sollte, warum wir heute weniger lesen, wo, wann und wie wir lesen können und was wir lesen können.

Generell ist zu diesem Buch anzumerken, dass die Idee natürlich großartig ist. Menschen zum Lesen zu bewegen sollte Ansporn nicht nur für Deutschlehrer, sondern für jeden Bücherfreund sein. Es ist keine Frage, dass das Lesen sowohl intellektuelle als auch emotionale Fähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten fördert.

Allerdings liegt diesem Buch meiner Meinung nach ein Denkfehler zu Grunde: Niemand, der nicht gerne liest, wird dieses Buch lesen. Der Autor Denk verfehlt hier also sein Publikum, erklärt begeisterten Lesern, warum Lesen besser ist als Internet, Fernsehen und Handy und übersieht dabei die Möglichkeit, dass Internet und Handy eine Entwicklung sind, die sich nicht aufhalten lassen wird und dass es womöglich sinnvoller wäre ein Miteinander der „alten“ mit den „neuen“ Medien zu konzipieren und einen völlig neuen Ansatz zu erfinden.

Leider sind viele Erklärungen, die Denk in seinem Buch findet, etwas platt geraten. Zum Beispiel wenn er über die Gründe schreibt, warum man lieber ein Buch als einen Kindle zur Hand nehmen sollte (S. 230): „Und siebtens kostet das Lesegerät nicht wenig (…, die Buchtexte sind auch nicht umsonst), während ich Tausende von Büchern aus Bücherregalen und aus Bibliotheken gratis lesen kann.“ Soweit ich weiss sind auch die Bücher in den Bibliotheken und Bücherregalen nicht kostenfrei dorthin gekommen. Dies ist also kein Argument gegen den Kauf eines Kindles.

Dennoch: Das Buch hat mich zum Nachdenken über mein eigenes Onlineverhalten angeregt und ich persönlich bin froh es gelesen zu haben, auch wenn ich es nicht weiterempfehlen werde. Allein schon die Zitate zum Lesen sind gut im Kopf zu behalten: (S.138 aus Madame Bovary) „Lisez pour vivre“.

Denk nimmt auf Seite 236 mein Fazit zum vorliegenden Buche vorweg: Nullum esse librum tam malum ut non aliqua parte prodesset.

John West-Burnham: Personalizing Learning

„Education is the process in which society replicates itself“.

(lme) Wegen Sätzen wie diesem wird „Personalizing Learning“ zu einem wichtigen Werk. Besonders der erste Teil, der sich theoretisch mit Individualisierung im Unterricht und Lernen beschäftigt, enthält interessante Fakten und Überlegungen.

Fehlt es den meisten anderen Bücher dieser Art an theoretischer Grundlage für die Forderung nach Differenzierung und Individualisierung, schaffen es West-Burnham und sein Kollege Coates in ihrem Buch beides miteinander zu vereinen: An den Theorieteil knüpft ein Teil mit Fallstudien aus dem britischen Schulsystem an.

Besonders das Kapitel „A changing world“ verdient Aufmerksamkeit. Hier erklärt das Autorenpaar, welche Faktoren der heutigen Welt differenzierten Unterricht fordern. Sie nennen die „Information Revolution“, in der sich das Wissen so stark ausweitet, dass nur noch Computer bei diesem Tempo mithalten können, sie nennen die wachsenden und wechselnden Anforderungen im Berufsleben und resümieren: „We need individuals who can think, judge, analyse and adjucate more than ever before.“