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Booker Prize 2012: Die Longlist

(lme) Die bereits am 25.Juli veröffentlichte Longlist des Booker Prize hält dieses Jahr einige Überraschungen bereit.

Die zwölf Titel, die die Jury auf die Longlist setzte, sind

Nicola Barker, The Yips (Fourth Estate)

Ned Beauman, The Teleportation Accident (Sceptre)

André Brink, Philida (Harvill Secker)

Tan Twan Eng, The Garden of Evening Mists (Myrmidon Books)

Michael Frayn, Skios (Faber & Faber)

Rachel Joyce, The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry (Doubleday)

Deborah Levy, Swimming Home (And Other Stories)

Hilary Mantel, Bring up the Bodies (Fourth Estate)

Alison Moore, The Lighthouse (Salt)

Will Self, Umbrella (Bloomsbury)

Jeet Thayil, Narcopolis (Faber & Faber)

Sam Thompson, Communion Town (Fourth Estate)

Mit vier Erstlingswerken, und sowohl britischen als auch internationalen (dem Commonwealth angehörigen Autoren aus Indien, Malaysia und Südafrika), liegt die Auswahl in der Norm des Preises. Die Shortlist wird am 11. September verkündet, der Gewinner am 16. Oktober gekürt. Neben internationalem Aufsehen steht ihm ein Preisgeld von 50.000 Pfund zu. Letztes Jahr gewann Julian Barnes mit seiner Novelle „The Sense of an Ending“, die auf Deutsch bei KiWi erschienen ist (Vom Ende einer Geschichte).

Wolfgang Herrndorf: Sand (lme)

Mai/2012, Nummer 36 im Buchclub

Erscheinungsdatum: 2012

Genre: Roman

Sprache: Deutsch

Format: Hardcover

1. Warum dieses Buch?

Gerade hat Herrndorf mit „Sand“ den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Ob dies aus Mitleid geschehen ist (Herrndorf ist an einem Gehirntumor erkrankt) oder ob es sich um echte Literatur handelt, das galt es herauszufinden.

2. Welche Erwartungen hattest Du an das Buch?

Wer den Preis einer Buchmesse gewinnt, sollte im Gedächtnis bleiben.

3. Deine persönliche Kurzzusammenfassung…

In der Wüste geht es hoch her. Hier wird gemordet, geliebt, verraten, unterstützt, geholfen, vernichtet und verwundet. Was am Ende bleibt bleibt offen.

4. Was hälst Du vom Plot?

So etwas habe ich noch nicht gelesen. Ich bin nicht sicher, ob das daran liegt, dass ich keine Krimis lese, oder dass Herrndorf eine unglaubliche Phantasie besitzt, und sich Szenarien ausdenken kann, die so gut zueinander passen und dennoch so unwirklich sind, so dass sich das Buch flott und gut lesen lässt. Ich gehe davon aus, es liegt am Autor.

5. Wie bewertest Du den Beginn des Buches, den Einstieg in die Geschichte?

Der Erzähler stößt uns sogleich hinein in die Geschichte und damit auch in die Wüste, in der sich die folgenden Seiten alles abspielen wird. Der Einstieg gelingt und macht neugierig auf das, was noch kommen mag.

6. Hat Dir das Ende gefallen?

Ja, das Ende hat mir auch gut gefallen. Es beschreibt eine Art Sinnlosigkeit des Lebens und jeglichen Kampfes und passt in seiner surrealen Weise sehr gut zum übrigen Buch.

7. Zentrale Themen?

Verrat, Liebe, Täuschung, Gemeinschaft

8. Wie sind die Charaktere beschrieben?

Hier sehe ich ein kleines Manko des Buches. Schnell wird man durch die unterschiedlichen Figuren verwirrt und kommt durcheinander, wer nun wer ist. Eine genauere Einführung wäre sinnvoll gewesen. Das ist allerdings nur ein kleiner Fauxpas.

9. Wie ist dem Autor die Gestaltung der Welt, in der die Geschichte spielt, gelungen?

Sehr gut. Beim Lesen wird man augenscheinlich mit-durstig und vollzieht die Qualen der Figuren nach.

10. Wie hat Dir die Sprache des Autors gefallen? Sein Stil?

Sprache und Stil des Autors haben gezeigt, dass er den Preis der Leipziger Buchmesse durchaus verdient hat. Er reißt den Leser mit sich – von der ersten Seite an!

11. Dein Lieblingszitat/ die Quintessenz des Buches?

Als Quintessenz blieben hier nur negative Erkenntnisse übrig, die man doch schnell wieder vergessen sollte.

12. Intertextualitäten des Buches? Man kann es vergleichen mit…

Das frage ich mich wirklich. Womit kann man dieses Buch vergleichen? Bis jetzt ist mir nichts ähnliches eingefallen. Euch?

13. Wie ließ sich dan Buch lesen?/ Wie lange hast Du gebraucht?

Das Buch ließ sich sehr gut lesen. Ich habe ca. 2 Wochen gebraucht.

14. Wie viel hat Dich das Buch gekostet, was ist es Dir wert?

Ein Hardcoverbuch in Deutschland kostet mittlerweile um die 20 Euro. Das ist ein stolzer Preis. Für dieses Buch war es in Ordnung, aber Fehlkäufe kann man sich so nicht mehr leisten.

15. Stärken des Buches?

Sprache und Thema

16. Schwächen des Buches?

Wenn dann anfängliche Beschreibung der Figuren.

17. Besonderheit des Buches?

Dass ich es mit keinem anderen Buch vergleichen kann, macht es besonders.

18. An wen wirst Du das Buch weiterempfehlen?

Ich wüsste nicht, an wen ich es nicht weiterempfehlen könnte.

19. Ein neues Lieblingsbuch?

Nein. Dafür war mir die Szenerie zu speziell.

20. Aufnahme in die Liste der Besten?

Nein.

21. Hast Du etwas Neues gelernt, hat Dich das Buch verändert?

Nein.

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

(lme) Der diesjährige Gewinner des deutschen Buchpreises, über den es vor kurzem eine interessante Dokumentation bei Arte gab, beschreibt in seinem Roman die Geschichte einer Familie von unserer Großelterngeneration bis heute.  Hier wird erzählt, wie die Großeltern im 2. Weltkrieg nach Mexiko auswandern, dann in die DDR zurückkehren, wie der Vater sein Leben, nach seiner Rückkehr aus dem Arbeitslager erlebt, wie die Mutter, aus der Sowjetunion in die DDR übergesiedelt, versucht sich im deutschen Leben einzurichten und wie der Sohn aus der DDR flieht und nun auf den Spuren seiner Familie (nachdem er die Diagnose Krebs gestellt bekommen hat) nach Mexiko reist.

Der Roman hat viele nette Passagen, wenn zum Beispiel davon erzählt wird, was Oma Charlotte aus Mexiko mitbringt, wie sie ihren Wintergarten einrichtet und sich nur noch dort zu Hause fühlt. Auch Ruges Beschreibung der anderen Großmutter passt. Ein nettes Buch zu sein berechtigt aber nicht unbedingt auch den Buchpreis zu gewinnen.

Es stellt sich, vor allem mit dem Hintergrund der Dokumentation, die Frage, ob hier nicht zu viel gepuscht wurde, ob hier nicht der rowohlt Verlag aus einer Eintagsfliege versucht einen „Jahrhundertroman“ zu machen.

Diese Art Familiengeschichte ist nicht neu, die Beschäftigung mit der DDR ist gerade en vogue in der Literatur (Antje Ravic Strubel sei als ein weiteres Beispiel dieses Bücherherbstes zu nennen). Man kann „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ durchaus lesen. Aber man muss es nicht lesen. Es bringt einen nicht weiter. Sicher keine verfehlte Wahl für den Buchpreis, aber auf keinen Fall die Beste.

Prix Goncourt – Troisième sélection

(as) Morgen, pünktlich um 12.45 Uhr ist es wieder soweit: Der Prix Goncourt wird verliehen. Die Jury hat die Wahl zwischen vier Romanen, die es in die dritte Auswahl geschafft haben:

Sorj Chalandon Retour à Killybegs
Alexis Jenni L’Art français de la guerre
Carole Martinez Du Domaine des Murmures
Lyonel Trouillot La belle amour humaine

Welcher wird es wohl sein? Die nordirische Geschichte eines IRA-Terroristen geschrieben vom ehemaligen Journalisten Chalandon? Das Nachdenken über die letzten 50 Jahre Frankreichs mittels der Kriege, die es geführt hat, von Jenni? Die im Mittelalter spielende Geschichte einer eingesperrten Frau, die durch ein kleines Fenster mit ihrer Umwelt in Verbindung steht, von Martinez? Die familiäre Spurensuche einer jungen westlichen Frau in der Karibik von Trouillot?

Auch wenn die Preisverleihung vor der Türe steht, möchten wir unsere Tippabgabe nicht versäumen: Wir denken, dass Alexis Jenni den begehrten Preis morgen verliehen bekommen wird. Sein Überraschungshit der sogenannten rentrée littéraire (analog zum jährlichen Schulanfang Ende des Sommers) wurde nicht nur von allen Feuilletons hochgelobt, sondern greift mit seiner Thematik sowohl aktuelle Fragestellungen wie Afghanistan oder Libyen als auch die  Vergangenheitsbewältigung wie Algerien- oder Indochinakrieg auf.

Shortlist Booker Prize

(lme) Die Jury des Booker Prize gab ebenfalls ihre Shortlist Anfang September bekannt. Auch hier beschränkte man sich auf sechs Bücher.

Julian Barnes The Sense of an Ending, Carol Birch Jamrach’s Menagerie, Patrick deWitt The Sisters Brothers, Esi Edugyan Half Blood Blues, Stephen Kelman Pigeon English, und A D Miller Snowdrops.

Snowdrops, das  sich mit einem Anwalt aus Moskau beschäftigt, scheint uns zu untypisch um den Booker Prize zu gewinnen. Für Pigeon English spräche der Plot um einen Jungen, der aus Ghana nach England kommt und die dortige Gesellschaft studiert, dagegen spricht allerdings die Wahl der Perspektive eines Jungen. Die Geschichte, die Half Blood Blues spinnt, handelt von einer Musikcombo, die sich durch das Europa kurz vor dem zweiten Weltkrieg musiziert. Gewinnen könnte dieses Buch wegen seines Themas, allerdings gewann erst 2009 mit Wolf Hall von Hilary Mantel ein historischer Roman. Dasselbe gilt für The Sisters Brothers, hinzu kommt, dass dieser Roman in den Vereinigten Staaten spielt. Gegen Carol Birchs Buch spricht hauptsächlich das Cover, das zu sehr auf Frauenroman ausgelegt ist und so wohl keinen derart berühmten Preis ergattern kann.

Unser Tipp ist daher Julian Barnes, der bereits dreimal zuvor auf der Shortlist des Booker Prize stand (mit Arthur and George, England,England and Flaubert’s Parrot). Wieder einmal schafft er eine detaillierte Analyse der englischen Mittelschicht. Vieles lässt Barnes in seinem eher kurzen Buch zwar weg, doch schafft genau das dann den Raum, den die Phantasie zur Fiktion benötigt.

Deutscher Buchpreis, unser Tipp

(lme) Für den Deutschen Buchpreis, der am 10. Oktober verliehen wird, nominierte die Jury sechs deutsche Romane auf die Shortlist.

Jan Brandt, Gegen die Welt; Michael Buselmeier, Wunsiedel;  Angelika Klüssendorf, Das Mädchen; Sibylle Lewitscharoff, Blumenberg; Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts; Marlene Streeruwitz, Die Schmerzmacherin.

Unsere Tipps: Brandts Buch ist zu komplex, zu fiktiv und einfach zu fremd um den Buchpreis zu gewinnen, auch Buselmeiers Buch wird nur ein überschaubares Publikum anziehen. Klüssendorfs Roman, aus der Perspektive eines jungen Mädchens geschildert, ist zu normal, von seiner Art gibt es derzeit zu viele. Blumenberg von Lewitscharoff ist wahrscheinlich zu intellektuell um den Buchpreis zu gewinnen, Die Schmerzmacherin von Streeruwitz zu speziell.

Zum deutschen Buchpreis würde am besten Eugen Ruges Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts passen, die Jury zeichnet gerne Familienromane aus – noch besser, wenn er sich auch mit der Geschichte Deutschlands befasst. Wir sind gespannt auf die Preisverleihung am 10. Oktober.

Prix Goncourt – Première sélection

(as) Die Saison der Buchpreise hat nicht nur in Deutschland sondern auch in Frankreich begonnen. Diesen Dienstag gab die Académie Goncourt die Longlist zum diesjährigen Prix Goncourt, Frankreichs prestigeträchtigstem Literaturpreis, heraus. Das Preisgeld von 10 Euro ist freilich bescheiden,  der Gewinner kann sich dennoch eines höheren Einkommens dank des sicheren Sprungs an die Spitze der Bestsellerlisten sein. Die Franzosen verstehen sich noch immer als literarisches Volk und lesen selbstverständlich ihren Goncourt. Die zehnköpfige Jury  ist erlesen, man kann sich nicht dafür bewerben, sondern muss nach Verlassen eines Mitgliedes von einem anderen vorgeschlagen werden. Seit 1914 findet die mündliche Wahl im Restaurant Drouant in Paris statt. Wen wundert das im Lande der Gourmets?