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Auf dem blauen Sofa

(lme) Auch nach der zweiten Ausgabe des blauen Sofas im ZDF wissen wir immer noch nicht, wieso sich das Format so sehr an ein klobiges Möbelstück bindet, dass nur in der Hälfte aller Interviews transportiert werden kann und teilweise als zweck- und sinnfreies Poster im Goldrahmen mit von der Partie sein muss.

Herles überzeugt nicht. Er steht den Büchern weiterhin nüchtern gegenüber, das Vorlesen mit durchlaufendem Text ist anstrengend, langweilig und gibt keinen tieferen Einblick in die Bücher.

Dennoch muss diese Ausgabe des blauen Sofas vom 4. November unbedingt gesehen werden. Herles interviewt den „Schulbuchautoren“ Siegfried Lenz und der alte Schriftsteller gibt die klügsten und interessantesten Antworten auf sehr gute Fragen (hier also doch ein Lob an Wolfgang Herles).

Herles stellt Siegfried Lenz die Frage, was dieser jungen Leuten, die nicht mehr lesen wollen, sagen möchte und Lenz antwortet: „Euch entgeht eine gückliche Antiftung zu einem bewussten Leben.“ Lenz sagt man solle das Buch „als Einladung zum Vergleich mit dem eigenen Leben annehmen.“ Er glaubt fest an die Zukunft des Buches und der Literatur, denn „die Neugierde auf anderes Leben wird immer bestehen bleiben.“ Vielen Dank Herr Lenz, für diese wichtigen und weisen Worte.

 

Books on TV

(lme) Mit „Das blaue Sofa“ ging am 16.09. 2011 die neue Literaturshow des ZDF auf Sendung. Nach wenigen misslungenen Versuchen der „Leser“ um Amelie Fried und Ijoma Mangold, dem Publikum Bücher näher zu bringen (das ZDF entschuldigte diese mit dem dialogischen Format, das die Leser wohl nicht angesprochen hat), bespricht nun Wolfgang Herles (promovierter Literaturwissenschaftler und Philosoph) auf oder vor dem blauen Sofa seine Bettlektüren.

Über den Wahnsinn ein Sofa via Helikopter auf einen Gletscher zu transportieren, hat man sich bereits an anderer Stelle geäußert. Über die Farce, dass schon der zweite Gast der Sendung, Josef Bierbichler, dann gar nicht auf dem Sofa Platz nehmen möchte, auch.

Für uns stellt die Fragetechnik des Moderatoren das größte Problem dar: Wolfgang Herles hätte wohl in seinem Einführungskurs Literaturwissenschaft besser aufpassen sollen, lernt man dort doch in der ersten Stunde, dass die Figuren des Autors und des Erzählers strikt voneinander zu trennen sind. Scheint die Frage an Trojanow, was er persönlich von der Klimaerwärmung halte, noch einigermaßen legitim, so gehört der Versuch aus Bierbichler herauszukitzeln, dass er in einer Klosterschule missbraucht wurde (wie sein Protagonist) in die unterste Schublade der Literaturkritik. Bild-Niveau bei ZDF.

Doch was macht Herles falsch? Was bieten Kritiker wie Heidenreich und Scheck, was Herrn Herles fehlt? Es ist Authentizität. Sie beschreiben, wieso sie persönlich denken, dass man ein Buch lesen sollte. Sie bringen Bücher nicht nur in ihre Sendung, um sie schlecht zu finden (Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste, weil das die Bücher sind, die gekauft werden und hinterfragt damit kritisch, ob das auch die Bücher sind, die gelesen werden sollten). Doch Wolfgang Herles zerreißt Bücher und vor allem deren Autoren in der Luft, versucht seine Thesen mit gelben Post-Its und Textauszügen, die auf dem Bildschirm erscheinen, zu untermauern.

Gelingen will ihm so scheinbar nichts in seiner Literatursendung, die, obwohl viel geredet und auch dialogisiert wird, dann doch keine Talkshow sein darf. Schade, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Geld nicht für positivere Erfahrungen, die das Lesen birgt, ausgeben.