Schlagwort-Archive: 20. Jahrhundert

David Chotjewitz: Das Abenteuer des Denkens

(lme) Dieser bereits 1996 erschienene Roman über Albert Einstein bringt uns die Persönlichkeit des einzigartigen Wissenschaftlers näher. Doch der Leser wird nicht nur über das Privatleben des Physikers unterrichtet, sondern auch die physikalischen Theorien werden mit einfachen Worten für den Laien erklärt.

Dies ist eines der Bücher, die man zwar schnell liest, die aber trotzdem Sachbuch sind und einiges an Gesprächsstoff bieten. Gerade für die weniger naturwissenschaftlich interessierten Jugendlichen könnte dieser Roman die Möglichkeit bieten, sich mit einer der wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen und darüber einen Zugang zu diesem Feld zu gewinnen.

Es bleibt allerdings die Frage bestehen, inwiefern der Autor Chotjewitz gerade die Gespräche und Gefühle seines Protagonisten belegen kann, oder ob diese rein erfunden sind. Die Belege werden hier nicht geliefert, aber dieses Anspruches verweigert Chotjewitz sich auch, wie der Untertitel „Roman über Albert Einstein“ nahelegt.

Dennoch: Dieses Buch ist zu empfehlen. Physiker werden womöglich die Passagen zur Erklärung der Relativitätstheorie überspringen, da sie recht laiengerecht beschrieben werden. Der Roman macht aber auch Lust wieder einmal mehr Biographien zu lesen und sich mit den Lebensweisheiten anderer Menschen auseinander zu setzen.

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Christopher Morley: The Haunted Bookshop

(lme) Dieser etwas altertümliche, da bereits 1919 erschienene, Kriminalroman erinnert mich stark an „Der Schatten des Windes“ von Zafon. Auch hier geht es um ein Buch, nach dem von allen Seiten gesucht wird, und hinter dem am Ende ein ganz un-literarisches Motiv steckt.

Dies ist eine nette Geschichte, die sich schnell lesen lässt und sicherlich ein gutes Geschenkbuch abgibt. Nichts weltbewegendes, nichts Neues und trotzdem gut geschrieben und spannend erzählt. Morley

Erich Hackl: Abschied von Sidonie

(lme) Mit „Abschied von Sidonie“ legte Erich Hackl bereits 1989 eine Erzählung vor, die tief unter die Haut geht und die auch heute noch aktuell und wichtig ist. Das ist wohl auch mit der Grund, warum der Diogenes Verlag sich entschieden hat, das Werk noch einmal neu und in einer wunderschönen kleinen Ausgabe aufzulegen. Sidonie

Hackl beschreibt in dieser Erzählung das Schicksal eines Mädchens, dass von seiner Mutter, die zum fahrenden Volk gehört, ausgesetzt in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts von einer Bauernfamilie in der Nähe von Steyr aufgenommen wird. Sie lebt mit ihren Zieheltern, deren Sohn und einem weiteren (österreichischen) Ziehkind in dem kleinen Dorf und ist, auch wenn mit ihrer dunklen Haut und den dunklen Haaren anders aussieht, als die anderen Dorfbewohner im Dorf beliebt – bis es zum politischen  Wechsel kommt. Für Sidonie und ihre Eltern beginnt der Kampf um ihr Bleiberecht und plötzlich bekommen alle (Lehrer, Sozialarbeiter und Bürgermeister) Angst. Wie die Geschichte für Sidonie ausgeht, kann man sich denken.

Dies ist eines der besten Bücher, das ist seit langem gelesen habe, weil Erich Hakl zum einen den Weg des Mädchens trotz der Kürze des Textes mit Gefühl und in der Lebenswelt des Dorfes erzählt. Zum anderen fügt er am Ende der eigentlichen Lebensgeschichte eine kleine Abhandlung ein, in der er dem Leser ein „Was wäre wenn“ vor Augen führt. Der letzte Satz dieser Erzählung ist so wichtig, dass ich das Buch wirklich jedem aufdrängen möchte: „Und doch besteht einer, der es wissen muss und Joschi Adlersberg heisst, darauf, dass sich auch das nicht zu Erwartende zugetragen hat, nicht in Letten, sondern 160 Kilometer weiter südlich, ind er Steiermark, in einer Ortschaft namens Pölfing-Brunn, das Kind heißt nicht Sidonie, sondern Margit und lebt heute noch, eine Frau von 55 Jahren, und kein Buch muss an ihr Schicksal erinnern, weil zur rechten Zeit Menschen ihrer gedachten.“ Danke Erich Hackl!

John Williams: Stoner (lme)

April 2014, Nummer 54 im Buchclub

Stoner

Erscheinungsdatum: 1965

Genre: Roman

Sprache: Englisch

Format: Taschenbuch

 

 

 

1. Warum dieses Buch?

Lange Zeit war dieses Buch vergessen und erlebt nun seit einigen Jahren einen derartigen Hype, dass auch wir es bei den Seitenspinnern besprechen wollten.

2. Welche Erwartungen hattest Du an das Buch?

Ich hoffte eine mitreißende Geschichte in Händen zu halten, ist dies doch „the best book you’ve never read“, wie es im Klappentext heißt.

3. Deine persönliche Kurzzusammenfassung…

William Stoner hatte eigentlich eine ganz andere Zukunft vor sich, bis er durch verschiedene Zufälle geleitet, sein erstes Seminar in Englischer Literaturgeschichte besuchte. Hier blieb er hängen und wurde vom eifrigen Studenten zum belesenen Professor. Wie William Stoners Leben, beruflich und privat, verläuft, das schildert Williams in seinem Roman.

4. Was hältst Du vom Plot?

Die Geschichte ist wunderbar erzählt und ich muss sagen, dass es wirklich ein sehr gutes Buch ist. John Williams ist ein Meister des Erzählens, er schafft es, die Welt um Stoner so zu beschreiben, dass der Leser Teil wird. Immer mehr möchte man über den komischen Kauz erfahren, möchte wissen, wohin ihn sein Leben führt.

5. Wie bewertest Du den Beginn des Buches, den Einstieg in die Geschichte?

Im ersten Absatz nimmt der Autor eigentlich die ganze Geschichte vorweg. Die große Kunst liegt darin, dass er die wenigen Sätze, mit denen Stoners Leben beschrieben werden kann, auf den nächsten 200 Seiten so mit Leben füllt, dass uns der „Held“ des Romans zum Vertrauten wird.

6. Hat Dir das Ende gefallen?

Ja, das Ende ist unerwartet, aber wiederum sehr gut beschrieben.

7. Zentrale Themen?

Entfaltung, Beziehung, Arbeit, Kollegen und das Leben an sich.

8. Wie sind die Charaktere beschrieben?

Williams hat das Talent, die Charaktere seines Romans so glaubwürdig und nachvollziehbar zu beschreiben, dass es große Freude bereitet, als Leser ihr Vertrauter zu werden.

9. Wie ist dem Autor die Gestaltung der Welt, in der die Geschichte spielt, gelungen?

Wie schon gesagt: Hierin liegt die größte Stärke dieses Romans. Williams erzählt in „Stoner“ von einer Welt, die schnell zur eigenen wird.

10. Wie hat Dir die Sprache des Autors gefallen? Sein Stil?

Die Sprache ist passend für die Zeit, in der das Buch geschrieben wurde. Heute ist sie nicht mehr ganz zeitgemäß, aber hier wird ja auch keine Geschichte aus dem Jahr 2014 erzählt, sondern eine die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts spielt.

11. Dein Lieblingszitat/ die Quintessenz des Buches?

Bleibe wer du bist.

12. Intertextualitäten des Buches? Man kann es vergleichen mit…

 

13. Wie ließ sich das Buch lesen?/ Wie lange hast Du gebraucht?

Das Buch ließ sich wunderbar lesen und verbreitet große Lust am und aufs Lesen.

14. Wie viel hat Dich das Buch gekostet, was ist es Dir wert?

ca. 6 £.

15. Stärken des Buches?

Das Buch ist insgesamt ein starkes Buch!

16. Schwächen des Buches?

Dass es irgendwann endet.

17. Besonderheit des Buches?

Besonders an diesem Buch ist, dass es ein Werk von literarischer Qualität ist, dass trotzdem unglaublich lesenswert ist. Ein Buch, dass man gerne weiterempfiehlt.

18. An wen wirst Du das Buch weiterempfehlen?

An jeden!

19. Ein neues Lieblingsbuch?

Ja.

20. Aufnahme in die Liste der Besten?

Vielleicht. Darüber muss ich noch etwas nachdenken.

21. Hast Du etwas Neues gelernt, hat Dich das Buch verändert?

Es hat meinen Lesehunger wieder entfacht.

Volker Weidermann: Ostende



Ostende(lme) 
1936, Sommer einer Freundschaft, so nennt Weidermann seinen novellenartigen Fokus auf den kleinen Badeort Ostende in Belgien, der in den 1930er Jahren von emigrierten Literaten aus Deutschland zu einem Herd der Kultur und vor allem der Literatur gemacht wurde. Hier trafen sie sich alle, Joseph Roth, Stefan Zweig, Irmgard Keun, die Manns, E.E. Kisch. Und hier debattierten, lachten und tranken sie gemeinsam, fernab von Deutschland in dem es zu brodeln begann.

Mit diesem Buch beschert uns Weidermann ein literarisches Ereignis. Auf der einen Seite lernen wir etwas dazu, über die Exilliteraten und ihre Verbindungen zueinander, auf der anderen Seite haben wir aber auch ein literarisches Buch vor uns liegen, dass sehr gut geschrieben und leicht zu lesen ist. Weidermann schreibt eine Mischung aus Fiktion und Sachbuch und weckt unser Interesse an den beschriebenen Autoren.

Dieses Buch ist empfehlenswert für all diejenigen, die gerne mal ein Sachbuch zur Hand nehmen, genauso für die, die sich mehr für die „große“ Literatur interessieren. Ein Glücksgriff!

Edith Wharton: Summer

(lme) „Summer“ is a small, but very empathic novel, which discusses the situation of Charity Royall’s escape out of her boring life in the small town of North Dormer. Written in 1917, the book deals with the curiosity of the young woman and the neglect of her lover and the father to her child Lucius Harney. The novel could in some way be compared to Jane Austen’s books, as the main female character is described very accurately. She also has to go through distinct problems of life, although of a far more sexual kind than what Emma or Elizabeth encounter. The book is to be read as a social study not only of the time and age it has been published in, but is of some relevance today, as it deals with the dash for freedom of the main female character.

Der kurze Roman „Summer“ der amerikanischen Autorin Edith Wharton beschreibt das Aufblühen der Hauptfigur Charity Royall. Sie lebt mit ihrem Ziehvater in einem kleinen Ort namens North Dormer und versucht Geld zurückzulegen, um aus dieser tristen Heimat auszubrechen. Es kommt, wie es kommen muss, sie lernt einen Mann kennen und hofft durch ihn in eine bessere und spannendere Welt entfliehen zu können. Das Glück hält aber nur wenige Wochen.

Vergleichen kann man den 1917 erschienenen Roman durchaus mit den Werken von Jane Austen, da auch in jenen eine weibliche Hauptfigur auf ein besseres Leben hofft. Die Umsetzung dieses Wunsches findet bei Wharton jedoch auf sexuellere und weniger zurückhaltende Weise statt, so dass man die hundert Jahre, die zwischen den beiden Autorinnen liegen, deutlich an der sich entwickelnden Emanzipation der Frau nachvollziehen kann.

Romain Gary: Frühes Versprechen

(as) Romain Gary ist wahrlich eine eindrucksvolle Persönlichkeit. 1914 in Wilna in armen Verhältnissen geboren, kommt er dank seiner Mutter in seiner Jugendzeit nach Frankreich. Pilot während des 2. Weltkriegs und in der Résistance mit dem General Charles de Gaulle, wird er nach dem Krieg zu einem einflussreichen Diplomaten. Un dazu noch zum einzigen Autor, der den Prix Goncourt, den wichtigsten französischen Literaturpreis, zweimal gewinnt (wobei dies sich erst nach seinem Tod herausstellt, als ein Autorenpseudonym bekannt wird). Sein Selbstmord macht ihn auch zu einer rätselhaft traurigen Figur.

Gary hat in einem seiner Romane seine Jugendjahre von Wilna bis zum Ende des Krieges in seinem Roman Frühes Versprechen (auf Französisch eher: „Das Versprechen der Morgendämmerung“) verewigt. Ob wirklich alles so geschah? Wir wollen es gar nicht wissen. Zu hinreißend ist dieser Roman, der vor allem eines ist: Ein Denkmal für ein Mutter, die liebevoller, aufopfernder und unmöglicher nicht sein kann. Sie hat beschlossen, dass aus ihrem Sohn eine eminente Persönlichkeit  wird und er bemüht sich ein Leben lang dieses Vertrauen einzulösen. Wir lachen, wir schmunzeln, wir weinen und genießen das Plätschern  der zahlreichen Anekdoten. Berührender kann man sich Literatur nicht vorstellen.

Romain Gary: La promesse de l’aube (folio, 2012)