Erich Hackl: Abschied von Sidonie

(lme) Mit „Abschied von Sidonie“ legte Erich Hackl bereits 1989 eine Erzählung vor, die tief unter die Haut geht und die auch heute noch aktuell und wichtig ist. Das ist wohl auch mit der Grund, warum der Diogenes Verlag sich entschieden hat, das Werk noch einmal neu und in einer wunderschönen kleinen Ausgabe aufzulegen. Sidonie

Hackl beschreibt in dieser Erzählung das Schicksal eines Mädchens, dass von seiner Mutter, die zum fahrenden Volk gehört, ausgesetzt in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts von einer Bauernfamilie in der Nähe von Steyr aufgenommen wird. Sie lebt mit ihren Zieheltern, deren Sohn und einem weiteren (österreichischen) Ziehkind in dem kleinen Dorf und ist, auch wenn mit ihrer dunklen Haut und den dunklen Haaren anders aussieht, als die anderen Dorfbewohner im Dorf beliebt – bis es zum politischen  Wechsel kommt. Für Sidonie und ihre Eltern beginnt der Kampf um ihr Bleiberecht und plötzlich bekommen alle (Lehrer, Sozialarbeiter und Bürgermeister) Angst. Wie die Geschichte für Sidonie ausgeht, kann man sich denken.

Dies ist eines der besten Bücher, das ist seit langem gelesen habe, weil Erich Hakl zum einen den Weg des Mädchens trotz der Kürze des Textes mit Gefühl und in der Lebenswelt des Dorfes erzählt. Zum anderen fügt er am Ende der eigentlichen Lebensgeschichte eine kleine Abhandlung ein, in der er dem Leser ein „Was wäre wenn“ vor Augen führt. Der letzte Satz dieser Erzählung ist so wichtig, dass ich das Buch wirklich jedem aufdrängen möchte: „Und doch besteht einer, der es wissen muss und Joschi Adlersberg heisst, darauf, dass sich auch das nicht zu Erwartende zugetragen hat, nicht in Letten, sondern 160 Kilometer weiter südlich, ind er Steiermark, in einer Ortschaft namens Pölfing-Brunn, das Kind heißt nicht Sidonie, sondern Margit und lebt heute noch, eine Frau von 55 Jahren, und kein Buch muss an ihr Schicksal erinnern, weil zur rechten Zeit Menschen ihrer gedachten.“ Danke Erich Hackl!

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Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums

(lme) Ich lese nicht gerne Autobiographien – seien wir mal ehrlich, die meisten Leute haben nichts zu sagen und nichts wichtiges erlebt, oder sie können nicht gut schreiben. Urs Widmer hat mich in seiner „Reise an den Rand des Universums“ eines besseren belehrt.

Was hat er erlebt? Man kann sagen: Nichts besonderes. Weltgeschichte hat er in seinem Leben nicht geschrieben. Und trotzdem – hier hat einer sein Leben gelebt. Hier hat einer etwas für widmersich erlebt und viele Erfahrungen gesammelt, die vielleicht nicht für die Welt von Bedeutung waren, aber für ihn. Er hat viel gesehen, viele Freundschaften geschlossen, durch seine Familie eine ganz besondere Art von Kindheit gehabt, er hat Frauen kennengelernt und wieder aus den Augen verloren und er beschreibt auch, wie er ans Schreiben kam.

Als Urs Widmer diese Autobiographie 2013 beendet, kennt er wohl schon mehr Details über sein Schicksal, als seine Leser und Leserinnen. Auch deshalb ist dies ein so wichtiges und rundum lesenswertes Buch, das wunderbare Anekdoten aber auch viele Lebensweisheiten bereithält.

Lest! Los, lest!

John Williams: Stoner (lme)

April 2014, Nummer 54 im Buchclub

Stoner

Erscheinungsdatum: 1965

Genre: Roman

Sprache: Englisch

Format: Taschenbuch

 

 

 

1. Warum dieses Buch?

Lange Zeit war dieses Buch vergessen und erlebt nun seit einigen Jahren einen derartigen Hype, dass auch wir es bei den Seitenspinnern besprechen wollten.

2. Welche Erwartungen hattest Du an das Buch?

Ich hoffte eine mitreißende Geschichte in Händen zu halten, ist dies doch „the best book you’ve never read“, wie es im Klappentext heißt.

3. Deine persönliche Kurzzusammenfassung…

William Stoner hatte eigentlich eine ganz andere Zukunft vor sich, bis er durch verschiedene Zufälle geleitet, sein erstes Seminar in Englischer Literaturgeschichte besuchte. Hier blieb er hängen und wurde vom eifrigen Studenten zum belesenen Professor. Wie William Stoners Leben, beruflich und privat, verläuft, das schildert Williams in seinem Roman.

4. Was hältst Du vom Plot?

Die Geschichte ist wunderbar erzählt und ich muss sagen, dass es wirklich ein sehr gutes Buch ist. John Williams ist ein Meister des Erzählens, er schafft es, die Welt um Stoner so zu beschreiben, dass der Leser Teil wird. Immer mehr möchte man über den komischen Kauz erfahren, möchte wissen, wohin ihn sein Leben führt.

5. Wie bewertest Du den Beginn des Buches, den Einstieg in die Geschichte?

Im ersten Absatz nimmt der Autor eigentlich die ganze Geschichte vorweg. Die große Kunst liegt darin, dass er die wenigen Sätze, mit denen Stoners Leben beschrieben werden kann, auf den nächsten 200 Seiten so mit Leben füllt, dass uns der „Held“ des Romans zum Vertrauten wird.

6. Hat Dir das Ende gefallen?

Ja, das Ende ist unerwartet, aber wiederum sehr gut beschrieben.

7. Zentrale Themen?

Entfaltung, Beziehung, Arbeit, Kollegen und das Leben an sich.

8. Wie sind die Charaktere beschrieben?

Williams hat das Talent, die Charaktere seines Romans so glaubwürdig und nachvollziehbar zu beschreiben, dass es große Freude bereitet, als Leser ihr Vertrauter zu werden.

9. Wie ist dem Autor die Gestaltung der Welt, in der die Geschichte spielt, gelungen?

Wie schon gesagt: Hierin liegt die größte Stärke dieses Romans. Williams erzählt in „Stoner“ von einer Welt, die schnell zur eigenen wird.

10. Wie hat Dir die Sprache des Autors gefallen? Sein Stil?

Die Sprache ist passend für die Zeit, in der das Buch geschrieben wurde. Heute ist sie nicht mehr ganz zeitgemäß, aber hier wird ja auch keine Geschichte aus dem Jahr 2014 erzählt, sondern eine die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts spielt.

11. Dein Lieblingszitat/ die Quintessenz des Buches?

Bleibe wer du bist.

12. Intertextualitäten des Buches? Man kann es vergleichen mit…

 

13. Wie ließ sich das Buch lesen?/ Wie lange hast Du gebraucht?

Das Buch ließ sich wunderbar lesen und verbreitet große Lust am und aufs Lesen.

14. Wie viel hat Dich das Buch gekostet, was ist es Dir wert?

ca. 6 £.

15. Stärken des Buches?

Das Buch ist insgesamt ein starkes Buch!

16. Schwächen des Buches?

Dass es irgendwann endet.

17. Besonderheit des Buches?

Besonders an diesem Buch ist, dass es ein Werk von literarischer Qualität ist, dass trotzdem unglaublich lesenswert ist. Ein Buch, dass man gerne weiterempfiehlt.

18. An wen wirst Du das Buch weiterempfehlen?

An jeden!

19. Ein neues Lieblingsbuch?

Ja.

20. Aufnahme in die Liste der Besten?

Vielleicht. Darüber muss ich noch etwas nachdenken.

21. Hast Du etwas Neues gelernt, hat Dich das Buch verändert?

Es hat meinen Lesehunger wieder entfacht.

Alice Munro: Too Much Happiness (lme)

Januar 2014, Nummer 51 im Buchclub

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Erscheinungsdatum: 2009

Genre: Short Stories

Sprache: Englisch

Format: Hardcover

1. Warum dieses Buch?

Als Alice Munro im vergangenen Jahr der Literaturnobelpreis verliehen wurde, hielt ich dies für eine wichtige und gute Entscheidung zu Gunsten der Literatur. Endlich wurde da eine ausgezeichnet, die für ein breites Publikum lesbar ist. Die Kurzgeschichten, die ich von ihr kannte, versprühten Emotionen und waren literarisch ansprechend, dennoch nicht zu anspruchsvoll.

2. Welche Erwartungen hattest Du an das Buch?

Ich erhoffte mir hier ein paar nette Kurzgeschichten zu lesen, die mir wie immer mehr Einblicke in (potentielle) Emotionen und Handlungen anderer Menschen geben würden.

3. Deine persönliche Kurzzusammenfassung…

In „Too Much Happiness“ versammelt Munro zehn Kurzgeschichten, die alle gemeinsam haben, dass sie den Leser völlig aus der Bahn werfen, da seine Erwartungen nicht erfüllt und sein Glaube an das Gute im Menschen oft zerstört wird. Den Titel erhielt das Buch durch die letzte Kurzgeschichte, in der Munro einen Einblick in das Leben Sophia Kovalevky’s gibt. Gerade diese Story hat mich kaum angesprochen.

4. Was hältst Du vom Plot?

Die einzelnen Short Stories sind alle sehr lesenswert. Immer wieder erfindet Munro neue Szenarien, die den Leser auch an seine eigenen Grenzen bringen.

5. Wie bewertest Du den Beginn des Buches, den Einstieg in die Geschichte?

6. Hat Dir das Ende gefallen?

Die letzte Story, und damit das Ende des Buchs, hat mir leider nicht gefallen.

7. Zentrale Themen?

Das Selbst und die anderen.

8. Wie sind die Charaktere beschrieben?

Passend für Short Stories werden bei den einzelnen Charakteren nur einige Charakterzüge näher beschrieben, alles andere bleibt dem Interpretationsspielraum des Lesers überlassen.

9. Wie ist dem Autor die Gestaltung der Welt, in der die Geschichte spielt, gelungen?

Dies ist die wirkliche Meisterschaft Munros. Auf 20 bis 50 Seiten schafft sie es, den Leser vollkommen in die Welt hineinzuziehen, die sie (be-)schreibt. Gerade das macht die Geschichten dann noch einmal lesenswerter.

10. Wie hat Dir die Sprache des Autors gefallen? Sein Stil?

Sprache und Stil sind einfach zu lesen und trotzdem keineswegs banal.

11. Dein Lieblingszitat/ die Quintessenz des Buches?

Lieber erst noch einmal nachdenken, bevor man einen Elektriker ins Haus lässt und ähnliches.

12. Intertextualitäten des Buches? Man kann es vergleichen mit…

 

13. Wie ließ sich das Buch lesen?/ Wie lange hast Du gebraucht?

Das Buch ließ sich sehr gut lesen, auch wenn ich anderen Lesern raten würde, es nicht auf einmal ganz durchzulesen. Das ist nämlich das große Manko der Stories – sie sind alle sehr ähnlich. So weiß man nach der zweiten oder dritten schon, wie die nächste ausgehen wird.

14. Wie viel hat Dich das Buch gekostet, was ist es Dir wert?

Das weiß ich schon gar nicht mehr, ich habe es schon etwas länger besessen.

15. Stärken des Buches?

Die Welten, die Munro hier erschreibt.

16. Schwächen des Buches?

Die Geschichten sind sich alle sehr ähnlich.

17. Besonderheit des Buches?

 

18. An wen wirst Du das Buch weiterempfehlen?

 

Dieses Buch kann man gut weiterempfehlen und auch sehr gut verschenken, denke ich.

19. Ein neues Lieblingsbuch?

Nein, aber ich werde bestimmt noch weitere Bücher von Munro lesen und kann nicht ausschließen, dass dann eines dabei ist, das zu einem neuen Lieblingsbuch wird.

20. Aufnahme in die Liste der Besten?

Nein.

21. Hast Du etwas Neues gelernt, hat Dich das Buch verändert?

Nein.

Donna Tartt gewinnt Pulitzer Preis

(lme) Gestern wurde bekannt gegeben, dass die 1963 geborene US-amerikanische Autorin Donna Tartt für ihr Werk „The Goldfinch“ (dt. „Der Distelfink) den Pulitzerpreis erhält. Ein Buch, das den Geist anregt und das Herz aufgehen lässt, so die Beurteilung der Jury. Und auch das deutsche Feuilleton zeigte sich begeistert von diesem 1000 Seiten Schmöker, wie man im Perlentaucher nachlesen kann.

Der Pulitzer Preis, der jährlich in verschiedenen Kategorien vergeben wird, soll für „Fiction“ an einen US-amerikanischen Autoren gehen und an ein Werk, das sich „vorzugsweise“ mit dem amerikanischen Leben auseinandersetzt. Frühere Gewinner waren so bekannte Autoren wie Jeffrey Eugenides (2003), Philip Roth (1998) und William Faulkner (1963).

Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt (lme)

Februar 2014, Nummer 52 im Buchclub

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Erscheinungsdatum: 2013

Genre: Roman

Sprache: Deutsch

Format: Taschenbuch

1. Warum dieses Buch?

Als Bestseller lag es auf den Verkaufstischen aus, die kühle Ironie lud ein und die verschiedenen Kulturen und Traditionen, die das Buch auf seinem Buchrücken anpreist klangen interessant.

2. Welche Erwartungen hattest Du an das Buch?

Ich erwartete, die spannende Geschichte einer jungen Dame zu lesen und mit ihr Kulturen und Länder zu erforschen.

3. Deine persönliche Kurzzusammenfassung…

Mascha ist auf der Suche, nach sich, nach Liebe und nach einer Heimat. Sie klammert sich an Momente, an Orte und an Menschen, die ihr alle durch die Finger zu gleiten scheinen. Das Buch ist surreal, immer weiter fiebert Mascha so wie ihr Freund Elias und lässt den Leser am Ende heillos im Stich und auf sich allein gestellt auf einem Schlachtfeld zurück.

4. Was hältst Du vom Plot?

Die Story, die Grjasnowa uns hier erzählt ist völlig verworren und hat mich überhaupt nicht mitgenommen. Ich war ehrlich gesagt froh, als das Buch endlich zu Ende war.

5. Wie bewertest Du den Beginn des Buches, den Einstieg in die Geschichte?

In Medias Res: Menschen urinieren in Maschas Hauseingang und viel besser wird es leider auch nicht.

6. Hat Dir das Ende gefallen?

Nein. Wie schon angedeutet bleibt der Leser einfach zurück.

7. Zentrale Themen?

Suche, Liebe, Freundschaft, Identität, Judentum?

8. Wie sind die Charaktere beschrieben?

Überhaupt nicht gut. Alle miteinander blieben mir so fern, dass ich mit keinem einzigen Mitleid haben konnte.

9. Wie ist dem Autor die Gestaltung der Welt, in der die Geschichte spielt, gelungen?

Grjasnowa beschreibt eine Welt, die so vielleicht ist, zu der die Sprache, die sie wählt aber keineswegs passt. Zum Beispiel gleich auf der ersten Seite: „Jeden Morgen, gegen fünf, luden die Väter, Brüder, Cousins unter unseren Fenstern ihre Kleintransporter aus, knallten mit den Türen, bauten ihre Stände auf, tranken Tee, kochten Maiskolben und warteten, dass die Straße sich füllte und sie mit ihrem automatisierten Singsang ihr Obst anpreisen konnten.“ Hier fehlt es doch vollkommen an empathischer Sprache. Grjasnowa beschreibt in langen Sätzen, mit Wörtern, die hier wohl kaum in den Zusammenhang passen, was da unter ihrem Fenster vor sich geht – „Kleintransporter“, das ist ein Wort, das hier ganz falsch klingt. Und so geht es über den gesamten Kurzroman weiter.

10. Wie hat Dir die Sprache des Autors gefallen? Sein Stil?

Die Sprache ist gut, aber sie passt nicht zu dieser Story.

11. Dein Lieblingszitat/ die Quintessenz des Buches?

Da konnte ich nichts finden

12. Intertextualitäten des Buches? Man kann es vergleichen mit…

 

13. Wie ließ sich das Buch lesen?/ Wie lange hast Du gebraucht?

Schnelles Lesen musste hier sein!

14. Wie viel hat Dich das Buch gekostet, was ist es Dir wert?

9,90 €. Das war es nicht wert.

15. Stärken des Buches?

 

16. Schwächen des Buches?

Sprache und Story passen nicht zusammen.

17. Besonderheit des Buches?

 

18. An wen wirst Du das Buch weiterempfehlen?

Ich werde es nicht weiterempfehlen. 

19. Ein neues Lieblingsbuch?

Nein.

20. Aufnahme in die Liste der Besten?

Nein.

21. Hast Du etwas Neues gelernt, hat Dich das Buch verändert?

Nein.

Volker Weidermann: Ostende



Ostende(lme) 
1936, Sommer einer Freundschaft, so nennt Weidermann seinen novellenartigen Fokus auf den kleinen Badeort Ostende in Belgien, der in den 1930er Jahren von emigrierten Literaten aus Deutschland zu einem Herd der Kultur und vor allem der Literatur gemacht wurde. Hier trafen sie sich alle, Joseph Roth, Stefan Zweig, Irmgard Keun, die Manns, E.E. Kisch. Und hier debattierten, lachten und tranken sie gemeinsam, fernab von Deutschland in dem es zu brodeln begann.

Mit diesem Buch beschert uns Weidermann ein literarisches Ereignis. Auf der einen Seite lernen wir etwas dazu, über die Exilliteraten und ihre Verbindungen zueinander, auf der anderen Seite haben wir aber auch ein literarisches Buch vor uns liegen, dass sehr gut geschrieben und leicht zu lesen ist. Weidermann schreibt eine Mischung aus Fiktion und Sachbuch und weckt unser Interesse an den beschriebenen Autoren.

Dieses Buch ist empfehlenswert für all diejenigen, die gerne mal ein Sachbuch zur Hand nehmen, genauso für die, die sich mehr für die „große“ Literatur interessieren. Ein Glücksgriff!