Archiv der Kategorie: Bücherwiese

Was wir gerade lesen, mögen, empfehlen, nicht mögen, entdeckt haben

David Chotjewitz: Das Abenteuer des Denkens

(lme) Dieser bereits 1996 erschienene Roman über Albert Einstein bringt uns die Persönlichkeit des einzigartigen Wissenschaftlers näher. Doch der Leser wird nicht nur über das Privatleben des Physikers unterrichtet, sondern auch die physikalischen Theorien werden mit einfachen Worten für den Laien erklärt.

Dies ist eines der Bücher, die man zwar schnell liest, die aber trotzdem Sachbuch sind und einiges an Gesprächsstoff bieten. Gerade für die weniger naturwissenschaftlich interessierten Jugendlichen könnte dieser Roman die Möglichkeit bieten, sich mit einer der wichtigsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen und darüber einen Zugang zu diesem Feld zu gewinnen.

Es bleibt allerdings die Frage bestehen, inwiefern der Autor Chotjewitz gerade die Gespräche und Gefühle seines Protagonisten belegen kann, oder ob diese rein erfunden sind. Die Belege werden hier nicht geliefert, aber dieses Anspruches verweigert Chotjewitz sich auch, wie der Untertitel „Roman über Albert Einstein“ nahelegt.

Dennoch: Dieses Buch ist zu empfehlen. Physiker werden womöglich die Passagen zur Erklärung der Relativitätstheorie überspringen, da sie recht laiengerecht beschrieben werden. Der Roman macht aber auch Lust wieder einmal mehr Biographien zu lesen und sich mit den Lebensweisheiten anderer Menschen auseinander zu setzen.

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Norbert Zähringer: Bis zum Ende der Welt

(lme) Von Nobert Zähringer hatte ich bereits einige Bücher gelesen, so dass ich mich auf diesen 2012 erschienenen Roman freute. Der Autor beschreibt die Geschichte einer jungen Ukrainerin und eines älteren Deutschen, die die Liebe zu den Sternen verbindet. Anna soll Laska, der nur noch ein halbes Jahr zu leben hat, bei seinem Sterben begleiten. zaehringer

Leider schafft es Zähringer auf keiner Seite des Buches mich als Leser anzusprechen. Er versucht mindestens zwei Plots miteinander zu verbinden, die überhaupt nicht zueinander wollen. Da erzählt er auf der einen Seite die Geschichte Annas, dann die Geschichte Laskas und dann auch noch die eines portugiesischen Polizisten, die sich, vollkommen willkürlich zusammengeschrieben, gegen Ende des Buches treffen. Das passt von Vorne bis Hinten nicht.

 

Christopher Morley: The Haunted Bookshop

(lme) Dieser etwas altertümliche, da bereits 1919 erschienene, Kriminalroman erinnert mich stark an „Der Schatten des Windes“ von Zafon. Auch hier geht es um ein Buch, nach dem von allen Seiten gesucht wird, und hinter dem am Ende ein ganz un-literarisches Motiv steckt.

Dies ist eine nette Geschichte, die sich schnell lesen lässt und sicherlich ein gutes Geschenkbuch abgibt. Nichts weltbewegendes, nichts Neues und trotzdem gut geschrieben und spannend erzählt. Morley

Eugene McCabe: Schwestern


Schwestern
(lme) Die in der deutschen Übersetzung im Steidl Verlag erschienene Novelle „Schwestern“ des Iren McCabe behandelt das Schicksal zweier ungleicher Schwestern, die in den 1950er Jahren aufwachsen. Beide sind recht unterschiedlich, die eine wird zur vergebungsoffenen Nonne, die andere alleinerziehende Arbeiterin, die ihrer Tochter Vater und Mutter sein muss.

Die Geschichte der beiden kreuzt im Erwachsenenalter wieder, als Carmel aus dem Kloster flieht und bei ihrer Schwester Tricia einzieht. Die unterschiedlichen Ansichten der beiden prallen aufeinander und dennoch bleibt bis zur letzten Seite des Werkes klar, dass sie als Schwestern für immer verbunden sind. Kein Meisterwerk, aber ein gutes Buch.

Erich Hackl: Abschied von Sidonie

(lme) Mit „Abschied von Sidonie“ legte Erich Hackl bereits 1989 eine Erzählung vor, die tief unter die Haut geht und die auch heute noch aktuell und wichtig ist. Das ist wohl auch mit der Grund, warum der Diogenes Verlag sich entschieden hat, das Werk noch einmal neu und in einer wunderschönen kleinen Ausgabe aufzulegen. Sidonie

Hackl beschreibt in dieser Erzählung das Schicksal eines Mädchens, dass von seiner Mutter, die zum fahrenden Volk gehört, ausgesetzt in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts von einer Bauernfamilie in der Nähe von Steyr aufgenommen wird. Sie lebt mit ihren Zieheltern, deren Sohn und einem weiteren (österreichischen) Ziehkind in dem kleinen Dorf und ist, auch wenn mit ihrer dunklen Haut und den dunklen Haaren anders aussieht, als die anderen Dorfbewohner im Dorf beliebt – bis es zum politischen  Wechsel kommt. Für Sidonie und ihre Eltern beginnt der Kampf um ihr Bleiberecht und plötzlich bekommen alle (Lehrer, Sozialarbeiter und Bürgermeister) Angst. Wie die Geschichte für Sidonie ausgeht, kann man sich denken.

Dies ist eines der besten Bücher, das ist seit langem gelesen habe, weil Erich Hakl zum einen den Weg des Mädchens trotz der Kürze des Textes mit Gefühl und in der Lebenswelt des Dorfes erzählt. Zum anderen fügt er am Ende der eigentlichen Lebensgeschichte eine kleine Abhandlung ein, in der er dem Leser ein „Was wäre wenn“ vor Augen führt. Der letzte Satz dieser Erzählung ist so wichtig, dass ich das Buch wirklich jedem aufdrängen möchte: „Und doch besteht einer, der es wissen muss und Joschi Adlersberg heisst, darauf, dass sich auch das nicht zu Erwartende zugetragen hat, nicht in Letten, sondern 160 Kilometer weiter südlich, ind er Steiermark, in einer Ortschaft namens Pölfing-Brunn, das Kind heißt nicht Sidonie, sondern Margit und lebt heute noch, eine Frau von 55 Jahren, und kein Buch muss an ihr Schicksal erinnern, weil zur rechten Zeit Menschen ihrer gedachten.“ Danke Erich Hackl!

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums

(lme) Ich lese nicht gerne Autobiographien – seien wir mal ehrlich, die meisten Leute haben nichts zu sagen und nichts wichtiges erlebt, oder sie können nicht gut schreiben. Urs Widmer hat mich in seiner „Reise an den Rand des Universums“ eines besseren belehrt.

Was hat er erlebt? Man kann sagen: Nichts besonderes. Weltgeschichte hat er in seinem Leben nicht geschrieben. Und trotzdem – hier hat einer sein Leben gelebt. Hier hat einer etwas für widmersich erlebt und viele Erfahrungen gesammelt, die vielleicht nicht für die Welt von Bedeutung waren, aber für ihn. Er hat viel gesehen, viele Freundschaften geschlossen, durch seine Familie eine ganz besondere Art von Kindheit gehabt, er hat Frauen kennengelernt und wieder aus den Augen verloren und er beschreibt auch, wie er ans Schreiben kam.

Als Urs Widmer diese Autobiographie 2013 beendet, kennt er wohl schon mehr Details über sein Schicksal, als seine Leser und Leserinnen. Auch deshalb ist dies ein so wichtiges und rundum lesenswertes Buch, das wunderbare Anekdoten aber auch viele Lebensweisheiten bereithält.

Lest! Los, lest!

Volker Weidermann: Ostende



Ostende(lme) 
1936, Sommer einer Freundschaft, so nennt Weidermann seinen novellenartigen Fokus auf den kleinen Badeort Ostende in Belgien, der in den 1930er Jahren von emigrierten Literaten aus Deutschland zu einem Herd der Kultur und vor allem der Literatur gemacht wurde. Hier trafen sie sich alle, Joseph Roth, Stefan Zweig, Irmgard Keun, die Manns, E.E. Kisch. Und hier debattierten, lachten und tranken sie gemeinsam, fernab von Deutschland in dem es zu brodeln begann.

Mit diesem Buch beschert uns Weidermann ein literarisches Ereignis. Auf der einen Seite lernen wir etwas dazu, über die Exilliteraten und ihre Verbindungen zueinander, auf der anderen Seite haben wir aber auch ein literarisches Buch vor uns liegen, dass sehr gut geschrieben und leicht zu lesen ist. Weidermann schreibt eine Mischung aus Fiktion und Sachbuch und weckt unser Interesse an den beschriebenen Autoren.

Dieses Buch ist empfehlenswert für all diejenigen, die gerne mal ein Sachbuch zur Hand nehmen, genauso für die, die sich mehr für die „große“ Literatur interessieren. Ein Glücksgriff!